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Interview mit dem Projektleiter Benni Gesing

06.12.2006: Fünf Jahre Servicestelle Jugendbeteiligung und über jedes Jahr könnten mehrere Romane geschrieben werden. In den letzten zwei Jahren hat Benjamin Gesing die Projektleitung der bundesweiten Servicestelle Jugendbeteiligung ausgeführt und dabei vieles erlebt.


Wie geht es Dir?

Ganz gut, gerade ist viel zu tun, Jugend Macht findet statt, ich freue mich auf Weihnachten.

Warum gibt es die Servicestelle Jugendbeteiligung aus Deiner Sicht?

Na, das ist ja mal ein Einstieg (lacht). Die SJB gibt es, um Jugendliche in Deutschland auf unterschiedlichen Ebenen bei effektiver Jugendbeteiligung zu unterstützen, neue Modelle von Jugendbeteiligung zu entwickeln und zu testen. Wir wollen beweisen, dass Jugendliche ihre eigenen Belange in ihrer persönlichen Lebenswelt selbst in die Hand nehmen und verbessern können. Wir stellen hierzu Arbeitshilfen und direkte Betreuung zur Verfügung, alles bei der SJB wird von Jugendlichen gemacht. Ein besonderes Augenmerk kann, denke ich, auch noch darauf gelegt werden, dass die SJB mit ihren flexiblen Strukturen (Infoscoutnetzwerk, regSJB- und YB-Netzwerk) in der Lage ist, in sehr kurzer Zeit sehr viele Jugendliche in ganz Deutschland zu erreichen und zu aktivieren. Das macht einen enormen Unterschied zu traditionellen Formen der "Jugendarbeit" aus.

Welche Rolle haben Infoscouts, regionale Servicestellen Jugendbeteiligung und Youth Banks in der SJB?

Nun (lacht), das genau müssen die Jugendlichen in den Netzwerken natürlich immer wieder selbst definieren. Aber im Augenblick sehe ich Infoscouts als Trendscouts für Informationen über Jugendbeteiligungsmethoden und -projekte in Deutschland, sie können mit dem bundesweiten Büro in Berlin in direktem Kontakt stehen um sich aktuelle Infos zu holen oder Ihre Infos aus der eigenen Arbeit weiterzugeben. Sie beraten andere Jugendliche dabei, wie man sich beteiligen kann und bringen interessierte, erfahrene und neue Leute untereinander in Kontakt. Infoscouts sind ein wichtiger Teil der SJB. Regionale Servicestellen Jugendbeteiligung und Youth Banks haben eine ergänzende, aber nicht minder wichtige Rolle in der SJB: Sie bilden regionale, jugendliche Initiativen, die sich zum Ziel gesetzt haben, andere Jugendliche bei der Realisierung ihrer Ideen zu unterstützen. Gleichzeitig sind regSJBen und YB’s für das Berliner Team wichtige Ansprechpartner, wenn es darum geht, Informationen und Erfahrungen von lokaler Ebene zu erhalten oder wenn es um Infos und Arbeitshilfen, Methoden und Mitmachmöglichkeiten geht.

Sind regSJBen, Youth Banks und Infoscouts Flyerverteiler einer bundesweiten Agentur, nämlich der bundesweiten Servicestelle Jugendbeteiligung (bSJB)?

Ja! (lacht) Aber nicht im Sinne einer wirtschaftlich handelnden Agentur. Klar geht es um die Informationen und ihre Vermittlung an Jugendliche, die davon noch nichts wissen. Information ist die Grundlage von Beteiligung - Infoscouts, regSJBen und Youth Banks bilden hierfür ein einzigartiges Fundament. Aber Informationsvermittlung findet nicht nur durch Flyer statt, persönliche Gespräche sind denke ich die wichtigste Basis, dann erst kommen Publikationen, das Internet, und so weiter. Klar ist, nur wer sich effektiv informiert, kann auch Infos weitergeben. Das ist unser Job in der SJB, Jugendliche erreichen, informieren, beraten, qualifizieren, vernetzen, und dazu motivieren, gewonnenes Wissen weiterzugeben.

Wie ist die aktuelle Situation der Servicestelle Jugendbeteiligung?

Im Augenblick befinden wir uns, so ist mein Eindruck, in einer Umbruchsphase. Ich erinnere mich an das Jahr 2004, als ich die Projektleitung nach der Modellphase von Sebastian Sooth übernommen habe - damals haben wir, also das neue Team, die Umstrukturierung der bundesweiten Initiative von der Modellfinanzierung zur Projektfinanzierung gesteuert. Es wurde ein Trägerverein gegründet um uns rechtlich abzusichern und in der inhaltlichen Arbeit haben wir versucht, die bestehenden Strukturen, also Infoscoutnetzwerk und regionale Servicestellen/Youth Banks, zu stärken und auszubauen. Die Integration der bestehenden Netzwerke in die bundesweite Modellarbeit beispielsweise im Ganztagsschulprogramm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung hat nur bedingt funktioniert. Heute allerdings sind wir recht gut aufgestellt: Es gibt ein Infoscoutnetzwerk, was durch zwei bis fünf Infoscouts in der Woche erweitert wird, zu den 33 regSJBen (www.jugendbeteiligung.info/regional Anm. d. Redaktion) und Youth Banks sind augenblicklich 24 weitere in Gründung. Und die bSJB in Berlin plant zur Zeit die Jugendbeteiligung an mehreren bundesweiten Modellprojekten.

Vom 15.-17. Dezember findet der Jugendbeteiligungskongress "Jugend Macht" statt. Was erhoffst Du Dir davon?

Ganz klar: Ich will eine konstruktive Diskussion über die Situation der SJB führen, aktuelle Strategien überdenken, mehr über unsere Arbeit in Berlin informieren und erhoffe mir einen neuen Schwung für die Jugendlichen in der SJB! Und gleichzeitig stehen wir in Berlin immer wieder vor einem Haufen von Herausforderungen - ich will dazu Kritik und Rat von Leuten haben die uns nahe stehen oder gerade das erste Mal in die SJB hineinschnuppern. Spiel, Spaß und Spannung inklusive. Eine Sache ist mir auch wichtig: Welche Rolle spielt die SJB im Bereich Jugendbeteiligung in Deutschland? Warum ist sie da?

Und was gibt es Neues in der bundesweiten SJB in Berlin?

Wie vorhin schon erwähnt, das Youth Bank-Programm, das wir gemeinsam mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und der Deutsche Bank Stiftung umsetzen, läuft gerade sehr gut, bisher sind über 300 Projekte unterstützt worden. Innerhalb der Betreuung der Netzwerke von Berlin aus nimmt Youth Bank eine immer wichtigere Rolle ein - wir haben das Programm in den Arbeitsbereich "regionaler Service für Jugendbeteiligung" eingebettet, so kommt die Arbeit möglichst vielen Jugendinitiativen in Deutschland zu Gute. Die Infoscoutbetreuung bekommt zur Zeit auch neuen Schwung: Alle Neuen werden von uns angerufen, bekommen die SJB erläutert und werden auf aktuelle Mitmachmöglichkeiten und Arbeitshilfen hingewiesen. Was die Modellprojekte auf Bundesebene angeht gibt es folgendes zu berichten: Wir sind gerade mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung über eine Fortführung der Jugendbeteiligung im Ganztagsschulprogramm im Gespräch, allerdings werden wir hier in den nächsten Jahren eine andere Rolle einnehmen als bisher. Die Jugendbeteiligung am Programm "Ideen für mehr! Ganztägig Lernen" ist in über zwei Jahren erprobt und entwickelt worden und kann jetzt in die Regionen getragen werden. Wir werden hier also stärker regionalisieren, damit mehr Wissen und Erfahrung dort ankommt, wo Jugendliche es gebrauchen können: vor Ort. Die Modellprojekte Jugendbeirat der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und der Jugendbeirat Jugend Online (Nachfolger von Jugend ans Netz) laufen weiter, aber auch hier ist eine stärkere Ausrichtung auf die Unterstützung der Jugendbeteiligung an der inhaltlichen Arbeit geplant. Was die europäische Dimansion angeht, so arbeitet die SJB gerade daran, die Jugendbeteiligung am Europäischen Pakt für die Jugend weiterzuentwickeln, mit der Nationalagentur JUGEND für Europa enger zusammenzuarbeiten sowie weitere Modelle zu erarbeiten.

Welche Herausforderungen sind derzeit zu bewältigen?

Im Augenblick wollen viele Jugendinitiativen in Deutschland ihre Erfahrungen als regionale Servicestelle oder Youth Bank an andere weitergeben. Eine Herausforderung ist es, diese bei der Gründung in den ersten Monaten effektiv zu betreuen und ihnen dabei zu helfen, sich ins bundesweite Netzwerk zu integrieren. Dann wollen wir möglichst viele Informationen und Beteiligungsmöglichkeiten auf die lokale bzw. regionale Ebene tragen, das werden wir nicht ohne das Infosoutnetzwerk und die regSJBen bewältigen. Und hier müssen die Netzwerke die Frage beantworten: Was braucht man auf lokaler Ebene, um effektive Informationsarbeit, Beratung, Qualifizierung und Vernetzung zu machen? Wie kann eine qualitativ hochwertige und regelmäßige Informationsweitergabe in die Netzwerke und darüber hinaus aussehen? Und welche konkreten Ergebnisse sollen bei der Arbeit entstehen? Wie kann Jugendbeteiligung vor Ort effektiv unterstützt werden? Außerdem finde ich, dass die SJB planen muss, wie die Zusammenarbeit mit Jugendinitiativen auf lokaler Ebene aussehen kann, so dass sie für alle Beteiligten erfolgreich ist.

Welche Rolle spielen die Netzwerke der SJB dabei?

Sie sind das wichtigste Fundament der gesamten bundesweiten Initiative SJB. Aber auch sie müssen sich aus meiner Sicht regelmäßig neu erfinden, um am Puls der Zeit, den Jugendlichen vor Ort, den Problemen in der Region zu sein. Ich finde es wichtig, mit den Leuten im Netzwerk darüber zu diskutieren, wie Jugendbeteiligung an bestimmten Prozessen aussehen kann. Zum Beispiel werden wir ein Feedback benötigen, wenn es um die weitere Jugendbeteiligung im Ganztagsschulprogramm geht: Vielleicht können wir hier nicht immer bundesweite Treffen anbieten, um Ideen zu entwickeln, daher wird beispielsweise eine verstärkte Nutzung von Internetforen und Wikis nötig sein.

Warum macht die bSJB so viele Modellprojekte auf Bundesebene?

Modellprojekte sind dazu da, bestimmte Ideen - wie Jugendbeteiligung funktionieren kann - auszuprobieren, die Prozesse zu dokumentieren und übertragbar aufzubereiten. Hierzu nutzen wir zum Beispiel Praxistipps, die von Jugendlichen aus den Netzwerken entwickelt werden, damit andere von den Erfahrungen profitieren können. Wir wollen durch Modellprojekte diese Fragen beantworten: Wie funktioniert Jugendbeteiligung an Ganztagsschulen? Wie funktioniert Jugendbeteiligung am Nationalen Aktionsplan für ein kindergerechtes Deutschland? Wie funktioniert Jugendbeteiligung in bundesweiten Jugendbeiräten? Und so weiter. Die Antworten, die wir finden, werden Interessierten zur Verfügung gestellt, zur eigenen Anwendung aufbereitet. Wir wollen beweisen, dass Jugendbeteiligung, die von Jugendlichen organisiert wird, funktioniert und Ergebnisse bringt.

Wie soll das weitergehen?

Nun, sicher ist es wichtig, die lokalen und regionalen unterstützenden Initiativen und Multiplikatoren zu stärken. Denn eine bundesweite Jugendbeteiligung kann nur funktionieren, wenn es aktive Netzwerke gibt, die ihre Rolle darin begreifen, über die Unterstützung vor Ort hinaus auch Beteiligungsmöglichkeiten auf Bundesebene zu verbreiten. Und ich glaube, dass informelle System der SJB kann hier wirklich Großes leisten. Wenn alle Infoscouts und regSJBen/YB’s Infos effektiv verbreiten, bei Beteiligungswünschen beraten und Interessierte untereinander in Kontakt bringen, dann erfüllt die SJB einen wichtigen Sinn ihrer Arbeit. Man kann sich ja nur beteiligen, wenn man informiert ist und wenn man weiß, wie es geht.

Wie geht Ihr in Berlin mit der hohen Personalfluktuation um?

Ja, auch in der bSJB in Berlin tauchen die üblichen Herausforderungen einer Jugendinitiative immer wieder auf: Erfahrene Kollegen gehen, neue Leute kommen, die Arbeit aber muss professionell weitergehen. Hierzu stellen wir Begleitung der Neuen zur Verfügung, bereiten gemachte Erfahrungen auf und geben sie weiter. Fast könnte man sagen, wir stellen einen "schwarzen Koffer" mit allen relevanten Infos zusammen: Worum geht es? Wer macht mit? Was muss ich wissen? Welches sind die ersten Schritte? Welche Ziele sollen erreicht werden? Gleichzeitig machen wir immer wieder neue Erfahrungen. Manchmal sind Leute einfach weg - das muss natürlich aufgefangen werden. Wir schaffen das mit einem guten Team und einer transparenten internen Informationsarbeit.

Wie geht es mit Dir persönlich in der Projektleitung der SJB weiter, und wie danach?

Ich werde die Projektleitung der SJB demnächst abgeben. Das werden einige schon gehört haben. Gleichzeitig werde ich noch bis Mitte des nächsten Jahres im Vorstand des Trägervereins arbeiten, um eine gute Übergabe an meine Nachfolgerin/meinen Nachfolger zu gewährleisten. Ja, Du hast richtig gehört: Wir haben uns noch nicht für eine neue Person entschieden, Anfang des Jahres 2007 fällt unser Entschluss, wer es werden soll. Und meine Berufung ins Bundesjugendkuratorium werde ich nutzen, um gewonnene Erfahrungen aus unserer fünfjährigen Arbeit in die Beratungsergebnisse einfließen zu lassen. Und, (lacht) vielleicht schaffe ich es ja in 2007 mal wieder, ein bisschen Urlaub zu machen!

Lieber Benni, vielen Dank für das Gespräch.

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